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Dieses Thema hat 6 Antworten
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 Die Musik
Christoph Offline


Beiträge: 37

25.09.2009 16:55
Heavy als "Gesamtkunstwerk" antworten

Ich bin aus der Platte noch nicht ganz schlau geworden. Ich höre sie aber grade auch erst zum zweiten Mal. So ien gewisses bild schwebt mir dazu schon vor, aber ich muss die Platte erst noch öfter hören.

Was meint ihr: Seht ihr eine Thema, vielleicht einen Song der über der ganzen Platte schwebt?

René Offline

Administrator
Beiträge: 69


26.09.2009 15:24
#2 RE: Heavy als "Gesamtkunstwerk" antworten

Tom hat eine wie ich finde sehr schöne Rezension zur neuen Platte geschrieben, die ich mit seiner Erlaubnis hier vorstellen möchte:

In Antwort auf:
Meine Messlatte lag ganz weit oben, gaaaanz weit oben! Warum?
Jochen Distelmeyers Ex-Combo Blumfeld hat sechs Alben heraus gebracht und ALLE sechs Alben gehören zu meinen absoluten Lieblingsscheiben.
Kenne keine Band die so abwechslungsreich und ohne Kompromisse deutsche Musik gemacht hat und so alternativ. Zu einer Zeit wo jede zweite Band bei "L'etat et moi" abgekupfert hat, haben Blumfeld einen auf Münchener Freiheit gemacht, alle geschockt und hatten damit mehr Mittelfinger oben und waren alternativer als alles andere was sich damals alternativ schimpfte.

Egal, jetzt sind wir in der Gegenwart, Blumfeld Geschichte und Jochen schenkt uns 'HEAVY'.
Was mich stutzig machte war der Name des Produzents: Andreas Herbig. Hat der nicht auch Ich+Ich produziert und Culcha Candela? Nichts gegen diese Bands, aber passt das mit Jochen, hören wir jetzt Radiomucke?

Nein. Gleich der erste Track 'Regen' zeigt uns den Jochen 'Nackter als Nackt' (so hieß die Blumfeld DVD). Er singt, nur seine Stimme, keine Instrumente, Jochen solo und intim. Und danach gehts los!
Nach "Wohin mit dem Hass" und "Er" weiß man wo der Hammer hängt, Jochen ist da, geil wie eh und je und am rocken wie lange nicht mehr.

Die erste Single "Lass uns Liebe sein" erklingt und nach den beiden Rockern richtig richtig schön. Das 'Weil es Liebe ist'-Gefühl steigt in einem auf, mal will raus, Blumen riechen, in den blauen Himmel schauen und eine Frau mit nach Hause nehmen, ihr wisst was ich meine. Und dann kommt "bleiben oder gehen". Jochen gräbt die alten Morrisey/The Smiths/Bienenjäger-Wurzeln raus und trällert eine der schönsten Nummern die ich in den letzten 10 Jahren gehört habe. Für diese Nummer schonmal vielen Dank, die wird mich noch lange begleiten.

Die ersten fünf Songs waren sein Geld schon allemal wert, man gibt auch gerne mehr für eine CD aus wenn Qualität drauf ist, das nur mal nebenbei.

Bei "Hinter der Musik" rockt der Jochen wie schon seit alten Hamburger Schule Zeiten nicht mehr. Ein Hammer! Ich springe durch den Raum, reiße dabei das Kabel des Kopfhörers raus, stöpsel wieder alles ein und höre den Knaller nochmal vom Anfang. Danach ist "Nur mit dir" wieder eine Wohltat. Das ist wieder so ein Lied zum rausgehen, Blumen riechen, in den blauen Himmel schauen und um eine Frau mit nach Hause zu nehmen, ihr wisst schon.

"Hiob" erinnert mich an Monster Magnet oder so, schweinegeiles Brett, muss ich wegen des Textes noch ein paar mal hören, ich denke da gibts noch was zu entdecken. Wenn man in der Nähe von Jenfeld wohnt weiß man das nächste Lied sehr zu schätzen. Wieder eine dieser Nummern zum raus gehen, Blumen riechen, in den blauen Himmel schauen und um nach Jenfeld zu düsen um sich von dort eine Frau mir nach Hause zu nehmen...
jaaaaa...Freude

Für "Murmel" gehen mir dann allerdings die superlativen aus, eine Nummer die man sich selber anhören muss und auch im Kontext des Albums fast hypnotisch wirkt. Irgendwie zufrieden, irgendwie "Die Welt ist schön, ich lebe gern". Vielleicht habe ich es auch falsch verstanden, aber es fühlte sich so an.

Sechs Sterne von Fünf, für mein Album des Jahres!!!

Kristin Offline


Beiträge: 110

26.09.2009 15:31
#3 RE: Heavy als "Gesamtkunstwerk" antworten

diese rezi hat mir sehr viel freude gemacht; danke, tom! hätte mich dafür fast bei amazon angemeldet, aber nun kann ich's ja hier sagen.. :-))

Christoph Offline


Beiträge: 37

26.09.2009 18:12
#4 RE: Heavy als "Gesamtkunstwerk" antworten

Ich habe mich am Anfang ehrlich gesagt noch schwer getan die verschiedenen Songs unter einen Hut zu bringen. Ich glaube bei Jochen (und auch bei anderen) immer, er macht eine Platte als Platte, nicht als Aneinanderreihung von einzelnen Songs, die nicht in einem Kontext stehen. Ich erwarte also irgendwie eine Geschichte, wenn auch nicht chronologisch.
Hier habe ich das Gefühl, es ist eine Platte über Liebe, und zwar nicht aus der Luft gegriffen sondern durchaus persönlich erlebt (aber da mag ich vielleicht auch falsch liegen?). Und über all dem stehen "Lass uns Liebe sein" und "Murmel" als Essenz der Geschichte: Liebe, Auseinanderleben, Trennung, Bereuen, Lernen damit zu leben (soetwas wie ein tocotronischer positiver Kapitulationsbegriff), Liebe. So in etwa (und natürlich nicht chronologisch, sonder irgendwie dramaturgisch auf der Platte angeordnet). Vielleicht auch: Die Angst, die auf "Testament der Angst" noch der Liebe gegenüberstand ist hier durch einen positiven Kapitulationsbegriff überwunden.

Kristin Offline


Beiträge: 110

27.09.2009 18:49
#5 RE: Heavy als "Gesamtkunstwerk" antworten

hallo christoph,

habe mich sehr an der formulierung "tocotronischer positiver kapitulationsbegriff" erfreut! herrlich! :-)) kann ich aber nachvollziehen; ich denke, ich verstehe, was du meinst und sehe das ähnlich. für mich ist es so, dass ich mit den ruhigen stücken dieses albums wesentlich mehr anfangen kann als mit den anderen (wobei ich die größtenteils aber auch sehr mag) und bei denen kann ich dann auch ganz genau das nachvollziehen, was du schreibst: liebe, zweifel, trennung, zurückhabenwollen, akzeptanz - alles ist gut. so irgendwie. deinen letzten satz finde ich ganz spannend. stimmt, jetzt fällt mir auch auf, dass auf dem jochen-album kaum angst zu spüren ist. oder? muss ich noch mal hören.. ;-)

liebe grüße, kristin

Christoph Offline


Beiträge: 37

30.09.2009 15:20
#6 RE: Heavy als "Gesamtkunstwerk" antworten

Noch was: Wenn ich das richtig weiß, ist die CD ja Neongrün. Beim Vinyl ist außen ein neongrüner Aufkleber drauf und das Label auf der Platte selbst wäre wahrscheinlich gerne Neongrün, ist bei meiner aber eher grasgrün. Egal: Ich würde so weit gehen (vielleicht übertreib ichs auch), dass das sogar eine Art Tocotronic-Zitat ist.

Grüße,
Christoph

Christian Offline


Beiträge: 8

30.09.2009 21:13
#7 RE: Heavy als "Gesamtkunstwerk" antworten

Hallo Christoph,

Ich denke ist legitim, nach einer Geschichte zu suchen, ich denke aber, dass Jochen Distelmeyer zu sehr Dichter ist um eine durchgehende Geschichte zu schreiben. Würde er ein Buch schreiben wäre es kein Roman, Er würde vielleicht Roman darüber schreiben aber es würden Kurzgeschichten werden wie bei "Alice" von Judith Hermann, die irgendwie doch zusammenhängen, weil sie derselbe geschrieben hat, und weil eine (oder die) Hauptperson in einer anderen Geschichte wieder vorkommt. Und jeder der sie liest kann Zusammenhänge darin für sich finden. Die (Kurz)Geschichte "Bleiben oder gehen" ist eine klar umrissene Situation aber in der letzten Strophe singt Jochen dann in wir Form "Jeder von uns fragt sich: Soll ich bleiben oder gehen?" Und das kann dann jeder auch auf seine eigene Lebenssituation beziehen. Und vielleicht ist es ja auch Biographisch: In der Blumfeld Gruppe überlegt Jochen für sich: "Soll ich bleiben oder gehen" Diesen Bezug auf Jochen selbst sehe ich im ersten Lied "Regen" (Jochen ist jetzt solo) oder bei "Hinter der Musik": "Bring das Ding noch mal"
Manche Geschichten sind offen wie bei "Nur mit dir". Wenn "der Neue" kommt, ist das nicht klar dass das tatsächlich passiert ist oder passieren wird. Und wenn er im gleichen Lied in einer Bar herumsteht und sich fragt was er da soll, könnte das eine Erinnerung sein an die Szene wo plötzlich "Er" dasteht. Ein durchgehendes Thema ist sicher das alleine sein und die Bewegung hin und weg zu anderen. Folgt man einem Interview was ich gelesen habe ist ein wichtiges Thema das Platzen der Blasen (=Illusionen?). Die Konfrontation mit Realität und die Transformation der eigenen oft destruktiven Gefühle. Der Erzähler dieser Geschichten hat aber denke ich seine innere Trauerarbeit bereits gemacht und eine Sprache gefunden über seine Ambivalenten Gefühle zu sprechen. Auch in "Wohin mit dem Hass" wird nicht mehr der eigene Zorn hinausgeschrieen wie bei "Diktatur", sondern der Erzähler versucht seinen Hass und sogar den Hass anderer zu transformieren. Und dann ist da noch Hiob, das die älteste Erzählung der Bibel sein soll.
Aber bei soviel Nachdenken über die Geschichten sollte man auch die Musik betrachten, die sicher auch durch einige Verknüpfungen einzelner Songs für das Entstehen der "Geschlossenheit" des Albums sorgt.

lg christian

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